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Der Schwarm

Freitag, Wecker klingelt, Um Sieben. Warum klingelt Freitag der Wecker um Sieben? Jemand hat ihn gestellt, wie eine böse Falle. Der Fallensteller ist einer von der hinterlistigsten Art, er hat den Wecker dahin gestellt wo ich im schlafestrunkenen Zorn keine Körperteile von mir hinschleudern kann um das hupende Monster zu erschlagen.

Widerwillig pelze ich mich aus meinem Bett und schlurfe in Richtung Hupsignal um es zu verprügeln. Nach kurzer geistloser Malträtierung meines elektronischen Schlafrationierers fällt mein Blick auf einen Zettel daneben: „ - Einkaufen nicht vergessen!!! “. Boah, drei Ausrufezeichen, muss wichtig sein. Mein kurz nach mir erwachtes Hirn sagt mir auch warum. Weil ich sonst wieder das halbe Wochenende ohne Essen daheim sitzen werde hab ich mir den Wecker auf um Sieben gestellt, Wieso um Sieben? Weil um Acht die Läden schließen. Ich sehe mich auf dem Fußboden um ob sich Kleidung in Reichweite befindet, da, der Haufen dort könnte etwas Nützliches enthalten. Nach zwei versuchen gebe ich es auf meine Hose über den Kopf ziehen zu wollen und probiere es andersherum, klappt auch besser. Erst bei genauerer Umgebungsbetrachtung entdecke ich mein T-Shirt, gut getarnt hat es sich unter einem Stapel alter Zeitungen versteckt.

Ich sammle meine Pfandflaschen zusammen und mache mich auf den Weg zum Discounter meiner Wahl. Auf dem Weg dorthin überhole ich mehrere Rentner die auf ihren AOK-Choppern offenbar dasselbe Ziel haben wie ich, totes Tier in Tüten und einer Unterzuckerung vorbeugen.

Irgendwie muss man diese Rheumadeckenbesatzung fast bewundern,

wie sie eisern und zielstrebig vorwärts zockeln, schleichen, rollen und schlurfen, jeder halt wie er kann. Als ich ankomme wird mir auch der Grund offenbart wieso die motorisierten Mumien und ich dasselbe Ziel haben, Schnäppchenangebote. Nicht das man wirklich etwas dabei sparen würde, den selben Kram findet man im Internet zum halben Preis, aber im Bewusstsein bei einigen Teilen der Bevölkerung gilt das Internet maximal als neues Innenfutter von Jogginghosen.

Und so kommt es wie es kommen muss, Rentner, Spießer, Sparfüchse und eigentlich alle anderen sozialen Minderheiten liefern sich einen erbitterten Stellungskrieg um Heizdecken, Deko-Figuren, 33,5 teilige Werkzeugsets und all den anderen Kram von dem jeder geistig gesunde Mensch weiß, dass er ihn nie brauchen wird.

Unsanft rammt mich eine ältere Dame in das Gemüseregal um kostbare 2 Sekunden früher am Ramstisch zu stehen. Nicht das zu wenig da wäre, aber seit etwa Mitte der vierziger Jahre des letzten Jahrtausends haben wir Deutschen unsere Begeisterung für Überfallkriege auf ein anderes Spielfeld verlegt und es dort zu großer Meisterschaft gebracht.  Von Salat, Möhren und anderen Dingen die ich nie essen würde, umkränzt erhebe ich mich wieder und sehe zu wie sich zwei Frauen um ein Kissen mit schlecht gedrucktem Tiermotiv zanken. Wenn man sie sich normal betrachtet könnten sie Lehrerinnen oder Büroangestellte sein, solange man ihnen nicht ins Gesicht sieht. Hätten wir damals in der Normandie Wühlkörbe aufgestellt, die Alliierten wären sofort wieder in ihre Boote gerannt. Ein freundlicher Verkäufer hilft mir auf und betrachtet mitleidig und mit Respektsabstand den Grabenkampf zwischen Europaletten und Pappkartons. „Die schlimmsten sind die Leute über 60, die stürmen ohne Furcht und Rücksicht vor“, sagt er und zeigt mir die Narbe eines Gehstocks am Hals. Der WSV-Veteran empfiehlt mir die Tiefkühlkostabteilung den Mob zu flankieren. Wer drittklassige Schlager-CDs kauft und Pullover die uns die Dritte Welt empört zurückschicken würde isst niemals Tiefkühlpizza. Dankbar nehme ich den weisen Rat des Wächters über die Gemüseabteilung an und gehe weiter.

Für einen Moment wähne ich mich in trügerischer Sicherheit bis mir ein Geront den Weg versperrt. Scheinbar harmlos steht er am Milchwarenregal und starrt auf einen Becher Joghurt in seiner Hand herab. Ich frage mich ob es ein stummer Wettbewerb zwischen Rentner und Joghurt ist wer zuerst zu schimmeln anfängt, aber da würde das Milchprodukt vermutlich wegen uneinholbarem Vorsprung verlieren. Bedächtig stellt er den Becher wieder zurück und nimmt den nächsten aus der Palette und liest das Verfallsdatum. Muss deprimierend sein wenn man feststellt das Lebensmittel eine höhere Restlebenserwartung haben als man selbst.

Dann lächelt er und stellt den Becher in seinen Einkaufswagen zu anderen Bechern. ich wundere mich denn es sind einige, wenn auch verschiedene Marken. Ich werde langsam ungeduldig, wenn er in dem Tempo weitermacht wird aus dem Milchproduktregal die Käsetheke bevor ich weiterkomme. Vorsichtig, mit Blick auf alle Gegenstände die er als Hiebwaffe benutzen könnte nähere ich mich ihm und versuche mich an ihm vorbei zu schleichen. Da sehe ich weshalb er sich hier wohl schon den halben Tag aufhält. Vielleicht weil er sich denkt das wenn gekühlte Lebensmittel länger halten das auch auf ihn zutrifft, aber garantiert auch deswegen weil dort ein kleines Schild ist auf dem zu lesen ist, dass jedes Produkt mit abgelaufenem Haltbarkeitsdatum an der Kasse gegen Zwei Euro eingetauscht wird. Der clevere Methusalem bessert hier zwischen Quark und Gouda seine Pension auf. Da ich leider zu faul und ungeduldig für diese Art von Zuverdienst bin, erleichtere ich ihm seine Suche, nehme zwei Becher Pudding, mit noch ausstehendem Verfallsdatum, aus dem Regal und gehe weiter. Zielstrebig steuere ich die Süßwarenabteilung an, als mich bereits mein nächster Konflikt erwartet. Wenn Sex eine Süßigkeit wäre, wäre er ein Keks mit Schokoladenüberzug, Schokoteig und Milchcremefüllung. Jenes Produkt schaufle ich seit ich es entdeckt habe mit anhaltender Begeisterung in mich hinein. Leider wissen auch andere welche ekstatischen Glücksmomente man beim Verzehr dieses Kariesverursachers erleben kann. Ein kleines sommersprossiges Mädchen mit Pferdezöpfen steht vor dem Regal mit den Keksen, konkreter, vor dem Regal mit der letzten Packung Kekse. Im Einkaufswagen ihrer Mutter neben ihr liegen bereits vier Packungen. Aber wie um mich zu provozieren nimmt sie auch noch die letzte aus dem Regal. Als sie nach den Keksen greift mache ich das was jede Mutter macht wenn auf ihr Kind ein Auto zurast, ich springe dazwischen und rette was mir das teuerste und liebste ist. Da Supermärkte offenbar im Minutentakt gebohnert werden kann ich zwar tüchtig beschleunigen aber nicht bremsen und deshalb schlittere ich mit den, beschützend eng an mich gepressten, Keksen aus der Süßwarenabteilung, hinein in eine Konservenpyramide. Als ich beruhigt feststelle, dass die Büchsen mehr verbeult sind als ich, und vor allem meine Backware unversehrt ist raffe ich mich auf und gehe fast im selben Augenblick wieder zu Boden. Warum Frauen über 30 immer mindestens zwei Gegenstände bei sich haben mit denen sie schwere Verletzungen zufügen können weiß ich nicht, ich weiß nur das die Mutter des entkeksten Mädchens grade auf mich abwechselnd mit einem Regenschirm und ihrer, scharfkantigen, Svarowskikristall-Handtasche eindrischt. Sie hat die Szene offenbar völlig falsch interpretiert, ihr nun heulender Balg ist mir völlig gleich, ich wollte nur an meine Schokoglasierte Ersatzdroge. Als ihr das bewusst wird, nachdem ihr die Puste und Beschimpfungen ausgegangen sind, lässt sie mich in Frieden und nicht ohne Stolz über meine ertrotzten Kekse gehe ich zur Kasse zum Bezahlen. Wie in jedem handelsüblichen Supermarkt gibt es 4-6 Kassen, und wie in jedem handelsüblichen Supermarkt ist nur eine davon geöffnet. Brav reihe ich mich ein um meine, schon mit Blut bezahlten, Waren jetzt endgültig zu erwerben. Der Eis-Opa aus der Joghurtecke hat offenbar genug Umsatz für heute gemacht, denn er rammt mir mit energischem Nachdruck wiederholt seinen Einkaufswagen in die Hacken. Die Tatsache dass es trotz kontinuierlicher Körperverletzung seines Vordermanns nicht schneller geht ignoriert er routiniert. Ein Jugendlicher, der nichts kaufen will, oder genug geklaut hat, drängelt sich an der Warteschlange vorbei und schubst mich unsanft nach vorne, in den Rücken der Mutter die ihrem verzogenen Gör zum dritten mal das Überaschungs-Ei aus der Hand nimmt und es zurückstellt. „SIE, … !“, grollt es aus der Furie und noch bevor ich zu einer Entschuldigung ansetzen kann sehe ich ihren Regenschirm in einem Bogen auf mich zu schnellen und meine Schläfe treffen. Als ich zu Boden gehe sehe ich noch dass der Boden bei den Kassen nicht gewischt wurde, es aber dringend benötigte. Wach werde ich einige Minuten später wieder als der eingetroffene Rettungssanitäter mir das Blut aus dem Gesicht wischt. „Alles okay, das wird wieder. Tut uns Leid dass wir jetzt erst kommen, aber in einem Schuhgeschäft die Straße runter gab es mehrere Verletzte beim Ausverkauf.“ Er lässt mich an der Wand sitzen und mein Blick geht nach unten auf meine Packung Kekse die ich offenbar so gedrückt habe das sie aufgeplatzt ist. Der Inhalt ist mit meinem Blut betropft und skeptisch nehme ich mir einen Keks. Soviel Leid und Schmerz wegen einem gefüllten Kleingebäck? Ich stecke mir einen in den Mund und beginne, zu kauen.

Und da ist es wieder, das Glücksgefühl, immer noch blutend sitze ich grinsend und kauend an der Wand und bin eins mit dem Universum, ich habe den totalen Konsum-Krieg überlebt, ich weiß jetzt das ich auch weitere Rabattaktionen überleben werde, solang es diese Kekse gibt.

 

7.2.10 18:53
 


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