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Für eine Handvoll Euro

Da stehe ich nun auf der Straße des Lebens und das Wetter spielt den Soundtrack meiner Stimmung, es regnet. Widerwillig nehme ich mir das
Stück Papier mit meiner Zukunftsprohezeiung um zu erfahren womit ich mir die nächste Zeit den Tag vermiesen werde. warum steht auf dem Papier eigentlich Arbeitsangebot? soweit ich weiß kann man Angebote ablehnen, es sei denn jemand mit rauchiger Stimme macht einem eines dass man nicht ablehnen kann. würde ich dieses „Angebot“ ablehnen wären die Konsequenz zwar nicht ein Spaziergang am Grund des örtlichen Baggersees aber auch nur unwesentlich erheiternder.
eine Jahreszeit mit dem leben was einem die Natur gibt und die Nächstenliebe seiner Mitmenschen mag für Poeten toll klingen, im Klartext bedeutet es aber drei Monate vollsperre, was für mich beutet, entweder Angebot annehmen oder Shopping mit Lebensmittelmarken. 
„Wachpersonal mit ortsgebundenen Aufgaben“. damit werden sie mir also den Tag vermiesen. Na super, ich werde die Besitztümer einer Person bewachen dürfen die sich vor denen fürchtet die ihren Wohlstand erarbeitet haben. wie für jede gute Securityfirma üblich liegt das „Büro“ vorzugsweise im schmuddeligsten Stadtteil in direkter Sichtlinie zu einem Puff. Sollte das jemals nicht auf den ersten Blick zutreffen liegt das dann an der dezenteren Werbung an der Fassade. Mein zukünftiger Brötchengeber hält sich sehr genau an die Klischeeregeln, es sind zwei Puffs in Sichtweite. als ich das Gebäude betrete fühle ich mich ein wenig wie Heinz Sielmann bei seinen ersten Expeditionen.
Und dort drüben im Dickicht der Umkleidespinde üben sich die Gorillamännchen in Drohgebärden und Imponiergehabe. Man kann das Alphamännchen deutlich an seinem Haarkamm erkennen den es zur Statusbekundung stets aufrecht hält. Auch scheint das anheben schwerer Metallgegenstände zum festen Ritus innerhalb des Rudels zu gehören wie wohl auch die Tatsache dies stets so spärlich bekleidet wie möglich zu tun und das wenige das den unbedarften Beobachter vor ungewollten Einsichten schützt stets zwei Nummern zu klein zu wählen. Soviel zur Schau gestellte gegenseitige Bekundung von Männlichkeit und archaischer Heterosexualität beindruckt den Tierfilmer in mir so sehr das ich beschließe lieber schnell den Ort zu wechseln bevor ich erfahre wie sich der Umgang mit Savannen(/-Trainingsraum)-Bewohnern gestaltet die nicht zum Frühstück rohe Eier trinken oder Radachsen zum Zeitvertreib verbiegen.

Eine Etage, und mindestens 40 IQ-Punkte, weiter oben finde ich das Chefbüro. Ein wenig beindruckt bin ich schon, das Schild an der Türe enthält auf den ersten Blick keine erkennbaren Rechtschreibefehler, der Inhaber muss also zu mindestens die Grundschule erfolgreich absolviert haben. Als ich eintrete fühle ich mich irgendwie erneut cineastisch berührt. Die Wände des Büros sind ein buntes Sammelsurium aus Martial-Arts-Postern, nackten (wie mir mein geübter Blick verrät ausnahmslos vollbusigen) Damen und Pokalregalen die kleine goldene Männchen zeigen die alle ernst gucken und/oder mit ausgestreckter Faust fliegen.
Wenn jetzt noch eine Frau mit üppig gefülltem Ausschnitt und hilfesuchendem Blick zur Türe reinstöcklen würde wäre ich verzückt.
Der mutmaßliche Dekorateur dieses Kung-Fu-Pornos sitzt in seinem Ledersessel den er betont langsam herumschwenkt zu dem Fremden an der Türe, den ich im Moment mime, zu meiner Schande ohne Schlapphut und Trenchcoat. Keine Ahnung wie Chefs von Securitybuden aussehen, aber würde ich im Lexikon nachschlagen wäre beim passenden Eintrag ein Bild von ihm zu sehen, garantiert.
Nicht ganz zwei Meter Muskelmasse, Stiernacken und Bürstenfrisur versuchen den Nadelstreifenanzug auszufüllen aus dem der jetzige Besitzer der Vorbesitzer wahrscheinlich herausgeschüttelt oder einfach wie Zahnpasta aus der Tube gedrückt hat. Der Anzugsinsasse mustert mich und ist offenbar enttäuscht, man sieht mir an das ich lieber Schokolade als rohes Fleisch esse und Fitness für mich den gleichen Wortklang hat wie für ihn Pazifismus. „Du bist der Typ vom Arbeitsamt?“, fragt er. Nein, ich bin der einzigste im Gebäude der eine ungefähre Ahnung über den Gesamtumfang des Alphabets hat, will ich sagen, aber aus Sorge um meine Gesundheit und aus Mangel an Rückgrat nicke ich nur. „Fein, du fängst heute Abend an und machst die Spätschicht mit dem kleinen Hans, du findest ihn unten im Fitnessraum.“ Mit diesen Worten ist für ihn das Einstellungsgespräch beendet und er rotiert wieder in seinem Sessel herum und ich steige wieder eine Etage, und in den zweistelligen IQ-Bereich herab. Zu meiner Erleichterung hat sich der Fitnessraum in meiner Abwesenheit geleert und so ist es nicht sehr schwer den kleinen Hans zu finden. Der kleine Hans ist ein durch und durch netter und sympathischer Mensch, ob das an seinem gewinnenden Lächeln liegt oder an dem Umstand das es so aussieht als hätten seine Muskeln eigne Muskeln weiß ich nicht zu sagen. Hans ist gut einen Kopf größer und zwei Schultern breiter als ich, und das er mir beim Händeschütteln nicht alle Handknochen zu Brei drückt verbuche ich als einen weiteren Sympathiepunkt für ihn. Die peinliche Gesprächsleere die andere Menschen mit Fakten über das Wetter und die eigene Historie füllen überbrückt er galant in dem er mir einen freundschaftlichen Klaps auf die Schulter gibt der mich horizontal durch den Raum befördert, gefolgt mit den Worten „dann wollen wir dich mal einkleiden“.
Wie jede Securityfirma hat auch unsere ein eigenes Logo, unseres ist ein springender Tiger, Löwe, Panther oder artnahe Raubkatze in stilisierter Form. Leider wirkt es auf mich mehr wie eine Raubkatze mit schmerzhafter Darmverschlingung. Jedenfalls ziert ab jetzt die
nicht-kacken-könnende Katze meine Arbeitsbekleidung, eine berufstypische schwarze Bomberjacke. Als ich mich selbst im Spiegel sehe muss ich gestehen dass man sich tatsächlich etwas muskulöser und autoritärerer fühlt in dieser Amtstracht. Es fühlt sich an als würde dieses Nylon-Kunststoffgemisch in schwarz den Träger mit zusätzlicher Kraft und Selbstsicherheit versorgen, mit dem minimalen Preis von ein paar wenigen verschmerzbaren Gehirnzellen.
Mit maximal aufgeblähtem Ego stolziere ich Hans nach in die Garage zu den Dienstwagen, Leider endet hier das Klischee auch schon. Das Bewusstsein über die Notwendigkeit eines Jeeps in einer urbanisierten Region ist auch hier gegeben, allerdings steht vor uns kein Hummer sondern ein Suzuki, Jimmy. Etwas beklommen steige ich auf dem Beifahrerplatz ein während sich Hans mit geübter Routine hinter das Lenkrad einfaltet. Auf unserer Fahrt zu der Diskothek deren Pforten wir bewachsen sollen bekomme ich einen lebhaften Eindruck wie Ölsardinen sich fühlen. Unser Firmenwagen wurde für vier lächelnde, geschätzte 1,30m große Ostasiaten konzipiert, nicht für zwei schwitzende Westeuropäer in dicken Jacken von denen einer den Jahresbedarf eines durchschnittlichen Fitnessclubs an Eiweißpräparaten hat und man dem anderen ansieht das er etwas zu gerne Junkfood isst.

Der heutige Arbeitsplatz ist der beliebteste Tanztempel der Stadt, ein Mischpool für minderjährige Teenager, spätpubertierende Halbstarke, (stark alkoholisierte) Mittzwanziger und eigentlich alle die Bücher lesen oder Theater besuchen nicht als abendfüllende Unterhaltungsform anerkennen. Hans und ich falten uns aus dem Auto und atmen erst einmal dankbar frische Luft bevor wir uns für die Schicht anmelden. Wir werden als Team den Türstehern zugeordnet, Hans weil er im Bedarfsfall die Türe einfach mit seiner physischen Anwesenheit verschließen kann, und ich weil jeder Chef weiß das Leute wie ich dankbare Sadisten sind die sich in diesem Momenten enthusiastisch und willkürlich dafür rächen selbst nie eingelassen worden zu sein.
Der erste Teil des Abends verläuft weitest gehend ruhig, was daran liegen mag das die eigentlichen Stressmacher noch Zeit brauchen sich einen gehörigen Pegel anzutrinken bevor sie hier herkommen.
Ich genieße meine gottgleichen Privilegien die wartenden Massen zu filtern wie es mir beliebt.
Jeden Mann den ich als potentiellen Mitstreiter im Rennen um Erbgutverteilung einstufe verweise ich des Ortes und jede Frau die ich als Potentielle Kandidatin einstufe lasse ich herein. Ein kurzer Blick auf meine Kollegen verrät mir dass diese wohl andere Wahlkriterien haben als ich. An der Schlange neben mir achtet man mehr auf Albernheiten wie ein Mindestmaß an Nüchternheit und ein ordentliches Erscheinungsbild. Nach einiger Zeit kommt ein Mitarbeiter zu uns und bittet uns drinnen nach dem Rechten zu sehen, einige Gäste haben es offenbar in Rekordzeit geschafft sich den Verstand und die letzten Reste Anstand weg zu trinken.
Also tauchen wir ein in Stroboskoplicht und wummernde Bässe, auf der Suche nach Dingen die kein Mensch sehen will. Unseren ersten Fall von entartetem Alkoholkonsum finden wir tanzend auf dem Tresen vor. Nur von ihrem eigenen Bewegungsmoment am stürzen gehindert fegt sie über die Theke und scheint dabei großen Spaß zu haben die grölende Menge zu unterhalten. Da wir leider auch dafür bezahlt werden Spaßverderber zu sein klettere ich der Frau hinterher und versuche auf rutschigen Sohlen die Wodkaballerina von ihrer Bühne zu begleiten an einen Ort wo die Wahrscheinlichkeit sich das Genick zu brechen geringer ist. Sie versteht meine Bemühungen aber offenbar völlig anders und springt einfach leichtfüßig vor mir davon während ich unbeholfen in den schweren Stiefeln ihr nach schlingere.
Als ich sie endlich an den Rand des Tresens gedrängt habe und mit der Wahl zwischen Absturz und Gefangennahme konfrontiere startet sie einen Überraschungsangriff der mich kalt erwischt.
Mit einer Flucht nach vorne springt sie auf mich zu, in meine Arme,
gibt mir einen Kuss auf die Nase und schmeißt mir ihren BH über meine Augen, kichert und ist mir entglitten.
Als die ersten Zuschauer schon vor Lachen zu Boden gehen greift Hans
ein und fängt die Frau mit einem Trick der jeden Fallensteller neidisch machen würde. Im Gegensatz zu mir versucht er nicht ihr zu folgen sondern steht einfach ruhig am anderen Ende des Ausschanks und hält ihr einen kleinen Cocktail entgegen. Als sie nach diesem greifen will dreht er sich, für seine Größe überraschend elegant, zur Seite und nimmt sie aus dem Schwung heraus von der Theke runter in den Arm und führt sie unter begeistertem Beifall aus dem Raum.
Mist, Vorstadt-Kingkong bekommt den Applaus und ich stehe hier mit Spitzen-BH auf dem Kopf auf der Bar.
Meinen unfreiwilligen Sichtschutz packe ich vorsichtshalber ein und der zurückkehrende Hans erklärt mir dass die Dame hier schon bekannt ist für ihre spontanen Tanzeinlagen und man wüsste wie man mit ihr am sichersten umgeht. Immer noch angesäuert von meiner schmachvollen Niederlage am Kap-B-Cup setze ich dann mit Hans unsere Patrouille fort. Zu meiner anfänglichen Freude ist unser nächster Fall weder weiblich noch in Feierlaune, sondern männlich, sturzbetrunken und Streßlaune. Überzeugt einem betrunkenen, stark schwankenden Typen gewachsen zu sein betrete ich den Ring in Form der Tanzfläche von der er alle anderen Gäste wüst fuchtelnd vertrieben hat. „Waswillsu?“ werde ich angeknurrt von ihm und mit diesen Worten kommt er schon auf mich zugestürmt und ich kann ihm grade noch ausweichen bevor er mich zu fassen bekommt. Davon offensichtlich erst recht angestachelt reckt er seine Fäuste und schreitet zum nächsten Angriff. Erst jetzt fällt mir siedend heiß ein dass man normalerweise erst eine Ausbildung macht bevor man als Securitykraft arbeitet. Meine vergleichsweise geeignetste Nahkampfausbildung besteht darin das ich vor Jahren mal Tekken durchgespielt habe auf dem höchsten Level. Da ich aber leider aus Fleisch und Blut bestehe und nicht aus Bits und Bytes hilft mir das jetzt wenig. So beschränke ich mich darauf seinen Hieben aus zu weichen.
Und so führen wir beide zu der unbeirrt weiter dröhnenden Musik auf der Tanzfläche den Tango der Unfähigen auf. Hans steht am Rand der Tanzfläche und wartet offenbar darauf dass ich meine Männlichkeit wieder finde und dieses Schauspiel beende indem ich meine Faust oder meinen Fuß in ein Körperteil des Angreifers befördere. So langsam geht mir die Puste aus als mir die rettende Idee auffällt die in weißer Spitze aus meiner Jackentasche hängt. Ich angle den Büstenhalter hervor und schwinge ihn wie ein anzügliches Lasso vor mir. Über die Art meiner Waffe total überrascht vergisst er kurz dass er mich eigentlich zu Klump hauen wollte und ich nutze den Moment, springe vor und schnalle ihm den BH einfach ans Gesicht. Eigentlich wird man als Mann meistens mehr vom Inhalt als von der Verpackung abgelenkt, aber es erfüllt seinen Zweck und ich ziehe meinen paralysierten Gegner zu Boden und knie mich auf seinen Rücken. Als die anderen Sicherheitskräfte
ihn hinaustragen, immer noch mit seiner zweckentfremdeten Sichtblende, komme ich mir ein wenig wie ein Held vor, die angestrengt guckende Katze auf meinem Jackenrücken stört mich genauso wenig wie der grinsende Hans der sich wahrscheinlich, wie alle anderen Gäste, halb totgelacht hat über meine Methode den Kampf zu beenden.
Als ich draußen meine Triumphatorenzigarette rauche, stellt er sich neben mich und bringt mit seiner Anerkennungsgeste meine Schulterknochen zum knacken. Ich überlege mir wie ich gönnerhaft diesen Moment mit meinem Kollegen teilen kann ohne seinen Verbalhorizont zu überschreiten als Hans sagt: „Da studiere ich schon  Zwei Jahre Psychologie, aber deine Taktik zur Konflitklösung ist mir völlig neu.“

9.1.10 20:21
 


bisher 3 Kommentar(e)     TrackBack-URL


Ivy (9.1.10 23:42)
Am Anfang dacht ich ja "oh mein Gott... das klingt furchtbar deprimierend...hoffen wir es wird besser...aber es wurde immer besser, mal wieder bis zu dem Bereich hin an dem mir alles weh tut vor lachen und ich anfange nochmal alles zu lesen und Links zu verschicken


miri (11.1.10 15:06)
das ist der hammer denn das stimmt


Ingo (11.1.10 23:24)
Genial
Bin froh, den link bekommen zu haben

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