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alea iacta est

Der Tag musste kommen, mein Gang nach Canossa.
Eingepfercht mit anderen notorischen Zu-spät-kommern,
Schulschwänzern und dem restlichen soziologischen Bodensatz der Schule
hocke ich in dem muffigen Raum und harre der Dinge die da kommen.
Nachschreiben nennen SIE es, metaphorische Exekution mittels Stift und Papier nenne ICH es.
Da kommen sie schon, unsere Wächter und Henker, drei an der Zahl.
„Guten Tag“, grüßen sie. „Ave, morituri te salutant“*, grüße ich,
aus Mangel an Rückgrat unterhalb der Hörgrenze.
Sie verteilen unsere tintengestrahlten Todesurteile und weisen uns Sitzplätze zu.
Nein, nicht neben sie! Den ganzen Tag habe ich versucht, ihr aus dem Weg zu gehen, sie zu meiden, ihrem Blick zu entgehen.
Mit weichen Knien schlurfe ich an ihren Tisch und werde von diesem grässlichen engelsgleichen Lächeln empfangen.
Noch während ich versuche ihre stumme Botschaft zu dechiffrieren
naht der Henker mit meinem Urteil, welches ich all die Wochen so erfolgreich verschlafen, oder Krankenschein sei Dank, umschifft habe.
Mathematik, eine zahlbasierte Methode, um mir mein eigenes Unvermögen vor Augen zu führen.
Nachdem ich Name und Datum in das vorgesehene Feld geschrieben habe, erschöpft sich mein gesammeltes Fachwissen der Zahlenlehre schlagartig gen Null und ich wechsle zu dem mir wohlbekannten sinnentleerten Starren zwischen Hand und Papier, in der Hoffnung mittels Telepathie ein Ergebnis auf das Blatt zu zaubern.
Nach fünf ereignisfreien Minuten komme ich zur Erkenntnis, dass ich als Telepath mindestens ein genauso großer Versager bin wie als Mathemat.
Während ich der imaginären Liste der Berufe, für die ich nicht tauge, einen weiteren hinzufüge, erreicht mich ein „Psst“ der höchsten Wichtigkeitsstufe, ein „Psst“ von ihr.
Sie deutet mit dem Stift auf ihr Blatt und sieht mich bittend lächelnd an.
Nach einer kurzen Fahrt auf der Glücksgefühlachterbahn beschließe ich mich dem Problem meiner Miniaturgöttin zu widmen.
Geschichte. Meiner Begeisterung für jedwede Form von Fatalismus, martialischen Gebaren und meiner krankhaft ausufernden Fantasie sei Dank, bin ich in den letzten Jahren zu einem inoffiziellen Lexikon für historisch belegte Großveranstaltungen zum Zwecke der Interessenskonfliktregulierung metamorphiert.
Unter Bemühung meiner nicht vorhandenen Kabukikünste*, und mit Hilfe
von Tisch und Bleistift, diktiere ich ihr alle historischen Fakten sowie Antworten und werde dafür mit einem Lächeln belohnt, mit dem man sonst nur bedacht wird wenn man Glücksfee einer Lottogesellschaft oder Casanova ist.
Freudig lächelnd entschwebt sie mir mit ihrem Aufgabenblatt in Richtung Lehrerpult und reicht meine Antworten unter ihrem Namen ein.
Bevor sie sich durch die Türe meinen Blicken entzieht zwinkert sie mir ein letztes mal zu und haucht mir über ihre Lippen das amouröse Äquivalent eines Marschflugkörpers zu.
Schwer getroffen von dem heimtückischen Hinterhalt, und mit einem breitmaulfroschartigen Grinsen im Gesicht erhebe ich mich und lege
meine Todesurkunde den fragend blickenden Henkern auf den Tisch.
Auf dem Weg durchs Treppenhaus hat mein Endorphin
überschwemmtes Gehirn bereits erfolgreich die Information verdrängt, dass ich so eben das Schicksal meines Schuljahres besiegelt habe.
Da steht sie und wartet, auf mich, ihren Retter, ihren Ritter! Ihren zukünftigen Ehemann. Als ich auf den Hof hinaus zu ihr gehen will hält ein roter Sportwagen vor ihr und die in Haargel getränkte Satire einer Actionfigur steigt aus und steckt meiner zukünftigen Ehefrau die Zunge in den Hals.
Nachdem meine zukünftige Exfrau schon lange außer Sicht ist beschließt mein Erinnerungsvermögen den Scherbenhaufen meiner selbst daran zu erinnern WESHALB ich sie zwei Jahre lang nie angesprochen habe.
Ich zünde mir, und dem kurzzeitig verschollenen Teil von mir der rote Hörner und eine Mistgabel hat, eine Zigarette an und fange wieder zu Grinsen an.
Ich habe ihr alle Antworten gesagt, … nur war keine davon richtig.
Veni, vidi, fraudavi!*


 

„Ave, morituri te salutant“:         „Heil dir, die Todgeweihten grüßen dich.“
                                               Gruß der Gladiatoren im römischen Reich
Kabuki:                                    traditionelles japanisches Theater mit Pantomime
„veni, vidi, fraudavi“:                 „Ich kam, ich sah, ich betrog.“
                                               Vergleich mit „veni vidi vici“ ( ich kam, ich sah, ich siegte )

(falls ihr euch über die etwas schrullige textform wundert, das ganze hier war mal mein beitrag zu einem wettbewerb zum thema kurzgeschichten)

16.10.09 21:43
 


bisher 1 Kommentar(e)     TrackBack-URL


immernoch Minigodzilla (18.10.09 12:38)
Sitz grad bei meinem besten Freund, mit dessen Gattin und wir sind beide absolut begeistert!
Irgendwie anders als die erste Geschichte aber trotzdem fesselnd und am Ende hat man selbst das diabolische Grinsen auf den Lippen!
Ich darf dir auch von deiner netten Dame hinter mir ausrichten,was immer du schreibst darf und soll an sie weiter geleitet werden und das obwohl sie normalerweise nicht irre gern liest!!

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