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Ad Extirpanda

Kirchliche Inquistion
Inquisitor Arno Dazumal
Domplatz 1
Kirchhausen


Frau Anna Tomie
Schulstraße 1
Häretikergasse 1
Kirchhausen


             der Sechste des Monats Julei im Jahre des Herren 1506

Einladung

Sehr geehrte verdammte Frau Hexe Tomie,
bitte kommen sie am Elften des Monats Julei zur Mittagsstunde auf den öffentlichen
Marktplatz in Kirchhausen.


Ich lade sie zu einer peinlichen Befragung ein.


Wir möchten mit ihnen über ihre blasphemischen Äußerungen sprechen
die Erde wäre eine Kugel und nicht von der Hand des Herren selber geschaffen.
Die Klärung der Schuldfrage wird von verdingten Befragungsmeistern geleistet.
Im Anschluß findet auf dem Marktplatz ein Fackelzug mit Feuerüberführung statt.


Sollten sie anklageunfähig erkrankt, oder dahingeschieden sein, ist trotzdem Ihr
Erscheinen erforderlich. Im Bedarfsfalle wird sie der Büttel exhumieren und/oder herbeischleifen. Wenn sie im Besitz eines Hexenbesens sind, dann bringen Sie diesen bitte zum Termin mit.


Dies ist eine Einladung nach § 66 Absatz 6 des Malleus Malleficarum.
Wenn sie ohne wichtigen Grund dieser Einladung nicht Folge leisten, werden
ihre Gliedmaßen um den Zehnten Teil gekürzt, im Falle einer Wiederholung
sind wir ermächtigt ihnen auch die verblieben Neun Teile zu kürzen.


Mit freundlichen Grüßen
Ihre Heilige Inquistion zu Kirchheim


Dieses Schreiben ist ohne jede wissenschaftliche Begründung gefertigt und ist
deshalb nicht unterschrieben.
Für seine Rechtswirksamkeit ist gesunder Menschenverstand nicht erforderlich
.

20.11.10 22:01


Der Schwarm

Freitag, Wecker klingelt, Um Sieben. Warum klingelt Freitag der Wecker um Sieben? Jemand hat ihn gestellt, wie eine böse Falle. Der Fallensteller ist einer von der hinterlistigsten Art, er hat den Wecker dahin gestellt wo ich im schlafestrunkenen Zorn keine Körperteile von mir hinschleudern kann um das hupende Monster zu erschlagen.

Widerwillig pelze ich mich aus meinem Bett und schlurfe in Richtung Hupsignal um es zu verprügeln. Nach kurzer geistloser Malträtierung meines elektronischen Schlafrationierers fällt mein Blick auf einen Zettel daneben: „ - Einkaufen nicht vergessen!!! “. Boah, drei Ausrufezeichen, muss wichtig sein. Mein kurz nach mir erwachtes Hirn sagt mir auch warum. Weil ich sonst wieder das halbe Wochenende ohne Essen daheim sitzen werde hab ich mir den Wecker auf um Sieben gestellt, Wieso um Sieben? Weil um Acht die Läden schließen. Ich sehe mich auf dem Fußboden um ob sich Kleidung in Reichweite befindet, da, der Haufen dort könnte etwas Nützliches enthalten. Nach zwei versuchen gebe ich es auf meine Hose über den Kopf ziehen zu wollen und probiere es andersherum, klappt auch besser. Erst bei genauerer Umgebungsbetrachtung entdecke ich mein T-Shirt, gut getarnt hat es sich unter einem Stapel alter Zeitungen versteckt.

Ich sammle meine Pfandflaschen zusammen und mache mich auf den Weg zum Discounter meiner Wahl. Auf dem Weg dorthin überhole ich mehrere Rentner die auf ihren AOK-Choppern offenbar dasselbe Ziel haben wie ich, totes Tier in Tüten und einer Unterzuckerung vorbeugen.

Irgendwie muss man diese Rheumadeckenbesatzung fast bewundern,

wie sie eisern und zielstrebig vorwärts zockeln, schleichen, rollen und schlurfen, jeder halt wie er kann. Als ich ankomme wird mir auch der Grund offenbart wieso die motorisierten Mumien und ich dasselbe Ziel haben, Schnäppchenangebote. Nicht das man wirklich etwas dabei sparen würde, den selben Kram findet man im Internet zum halben Preis, aber im Bewusstsein bei einigen Teilen der Bevölkerung gilt das Internet maximal als neues Innenfutter von Jogginghosen.

Und so kommt es wie es kommen muss, Rentner, Spießer, Sparfüchse und eigentlich alle anderen sozialen Minderheiten liefern sich einen erbitterten Stellungskrieg um Heizdecken, Deko-Figuren, 33,5 teilige Werkzeugsets und all den anderen Kram von dem jeder geistig gesunde Mensch weiß, dass er ihn nie brauchen wird.

Unsanft rammt mich eine ältere Dame in das Gemüseregal um kostbare 2 Sekunden früher am Ramstisch zu stehen. Nicht das zu wenig da wäre, aber seit etwa Mitte der vierziger Jahre des letzten Jahrtausends haben wir Deutschen unsere Begeisterung für Überfallkriege auf ein anderes Spielfeld verlegt und es dort zu großer Meisterschaft gebracht.  Von Salat, Möhren und anderen Dingen die ich nie essen würde, umkränzt erhebe ich mich wieder und sehe zu wie sich zwei Frauen um ein Kissen mit schlecht gedrucktem Tiermotiv zanken. Wenn man sie sich normal betrachtet könnten sie Lehrerinnen oder Büroangestellte sein, solange man ihnen nicht ins Gesicht sieht. Hätten wir damals in der Normandie Wühlkörbe aufgestellt, die Alliierten wären sofort wieder in ihre Boote gerannt. Ein freundlicher Verkäufer hilft mir auf und betrachtet mitleidig und mit Respektsabstand den Grabenkampf zwischen Europaletten und Pappkartons. „Die schlimmsten sind die Leute über 60, die stürmen ohne Furcht und Rücksicht vor“, sagt er und zeigt mir die Narbe eines Gehstocks am Hals. Der WSV-Veteran empfiehlt mir die Tiefkühlkostabteilung den Mob zu flankieren. Wer drittklassige Schlager-CDs kauft und Pullover die uns die Dritte Welt empört zurückschicken würde isst niemals Tiefkühlpizza. Dankbar nehme ich den weisen Rat des Wächters über die Gemüseabteilung an und gehe weiter.

Für einen Moment wähne ich mich in trügerischer Sicherheit bis mir ein Geront den Weg versperrt. Scheinbar harmlos steht er am Milchwarenregal und starrt auf einen Becher Joghurt in seiner Hand herab. Ich frage mich ob es ein stummer Wettbewerb zwischen Rentner und Joghurt ist wer zuerst zu schimmeln anfängt, aber da würde das Milchprodukt vermutlich wegen uneinholbarem Vorsprung verlieren. Bedächtig stellt er den Becher wieder zurück und nimmt den nächsten aus der Palette und liest das Verfallsdatum. Muss deprimierend sein wenn man feststellt das Lebensmittel eine höhere Restlebenserwartung haben als man selbst.

Dann lächelt er und stellt den Becher in seinen Einkaufswagen zu anderen Bechern. ich wundere mich denn es sind einige, wenn auch verschiedene Marken. Ich werde langsam ungeduldig, wenn er in dem Tempo weitermacht wird aus dem Milchproduktregal die Käsetheke bevor ich weiterkomme. Vorsichtig, mit Blick auf alle Gegenstände die er als Hiebwaffe benutzen könnte nähere ich mich ihm und versuche mich an ihm vorbei zu schleichen. Da sehe ich weshalb er sich hier wohl schon den halben Tag aufhält. Vielleicht weil er sich denkt das wenn gekühlte Lebensmittel länger halten das auch auf ihn zutrifft, aber garantiert auch deswegen weil dort ein kleines Schild ist auf dem zu lesen ist, dass jedes Produkt mit abgelaufenem Haltbarkeitsdatum an der Kasse gegen Zwei Euro eingetauscht wird. Der clevere Methusalem bessert hier zwischen Quark und Gouda seine Pension auf. Da ich leider zu faul und ungeduldig für diese Art von Zuverdienst bin, erleichtere ich ihm seine Suche, nehme zwei Becher Pudding, mit noch ausstehendem Verfallsdatum, aus dem Regal und gehe weiter. Zielstrebig steuere ich die Süßwarenabteilung an, als mich bereits mein nächster Konflikt erwartet. Wenn Sex eine Süßigkeit wäre, wäre er ein Keks mit Schokoladenüberzug, Schokoteig und Milchcremefüllung. Jenes Produkt schaufle ich seit ich es entdeckt habe mit anhaltender Begeisterung in mich hinein. Leider wissen auch andere welche ekstatischen Glücksmomente man beim Verzehr dieses Kariesverursachers erleben kann. Ein kleines sommersprossiges Mädchen mit Pferdezöpfen steht vor dem Regal mit den Keksen, konkreter, vor dem Regal mit der letzten Packung Kekse. Im Einkaufswagen ihrer Mutter neben ihr liegen bereits vier Packungen. Aber wie um mich zu provozieren nimmt sie auch noch die letzte aus dem Regal. Als sie nach den Keksen greift mache ich das was jede Mutter macht wenn auf ihr Kind ein Auto zurast, ich springe dazwischen und rette was mir das teuerste und liebste ist. Da Supermärkte offenbar im Minutentakt gebohnert werden kann ich zwar tüchtig beschleunigen aber nicht bremsen und deshalb schlittere ich mit den, beschützend eng an mich gepressten, Keksen aus der Süßwarenabteilung, hinein in eine Konservenpyramide. Als ich beruhigt feststelle, dass die Büchsen mehr verbeult sind als ich, und vor allem meine Backware unversehrt ist raffe ich mich auf und gehe fast im selben Augenblick wieder zu Boden. Warum Frauen über 30 immer mindestens zwei Gegenstände bei sich haben mit denen sie schwere Verletzungen zufügen können weiß ich nicht, ich weiß nur das die Mutter des entkeksten Mädchens grade auf mich abwechselnd mit einem Regenschirm und ihrer, scharfkantigen, Svarowskikristall-Handtasche eindrischt. Sie hat die Szene offenbar völlig falsch interpretiert, ihr nun heulender Balg ist mir völlig gleich, ich wollte nur an meine Schokoglasierte Ersatzdroge. Als ihr das bewusst wird, nachdem ihr die Puste und Beschimpfungen ausgegangen sind, lässt sie mich in Frieden und nicht ohne Stolz über meine ertrotzten Kekse gehe ich zur Kasse zum Bezahlen. Wie in jedem handelsüblichen Supermarkt gibt es 4-6 Kassen, und wie in jedem handelsüblichen Supermarkt ist nur eine davon geöffnet. Brav reihe ich mich ein um meine, schon mit Blut bezahlten, Waren jetzt endgültig zu erwerben. Der Eis-Opa aus der Joghurtecke hat offenbar genug Umsatz für heute gemacht, denn er rammt mir mit energischem Nachdruck wiederholt seinen Einkaufswagen in die Hacken. Die Tatsache dass es trotz kontinuierlicher Körperverletzung seines Vordermanns nicht schneller geht ignoriert er routiniert. Ein Jugendlicher, der nichts kaufen will, oder genug geklaut hat, drängelt sich an der Warteschlange vorbei und schubst mich unsanft nach vorne, in den Rücken der Mutter die ihrem verzogenen Gör zum dritten mal das Überaschungs-Ei aus der Hand nimmt und es zurückstellt. „SIE, … !“, grollt es aus der Furie und noch bevor ich zu einer Entschuldigung ansetzen kann sehe ich ihren Regenschirm in einem Bogen auf mich zu schnellen und meine Schläfe treffen. Als ich zu Boden gehe sehe ich noch dass der Boden bei den Kassen nicht gewischt wurde, es aber dringend benötigte. Wach werde ich einige Minuten später wieder als der eingetroffene Rettungssanitäter mir das Blut aus dem Gesicht wischt. „Alles okay, das wird wieder. Tut uns Leid dass wir jetzt erst kommen, aber in einem Schuhgeschäft die Straße runter gab es mehrere Verletzte beim Ausverkauf.“ Er lässt mich an der Wand sitzen und mein Blick geht nach unten auf meine Packung Kekse die ich offenbar so gedrückt habe das sie aufgeplatzt ist. Der Inhalt ist mit meinem Blut betropft und skeptisch nehme ich mir einen Keks. Soviel Leid und Schmerz wegen einem gefüllten Kleingebäck? Ich stecke mir einen in den Mund und beginne, zu kauen.

Und da ist es wieder, das Glücksgefühl, immer noch blutend sitze ich grinsend und kauend an der Wand und bin eins mit dem Universum, ich habe den totalen Konsum-Krieg überlebt, ich weiß jetzt das ich auch weitere Rabattaktionen überleben werde, solang es diese Kekse gibt.

 

7.2.10 18:53


Für eine Handvoll Euro

Da stehe ich nun auf der Straße des Lebens und das Wetter spielt den Soundtrack meiner Stimmung, es regnet. Widerwillig nehme ich mir das
Stück Papier mit meiner Zukunftsprohezeiung um zu erfahren womit ich mir die nächste Zeit den Tag vermiesen werde. warum steht auf dem Papier eigentlich Arbeitsangebot? soweit ich weiß kann man Angebote ablehnen, es sei denn jemand mit rauchiger Stimme macht einem eines dass man nicht ablehnen kann. würde ich dieses „Angebot“ ablehnen wären die Konsequenz zwar nicht ein Spaziergang am Grund des örtlichen Baggersees aber auch nur unwesentlich erheiternder.
eine Jahreszeit mit dem leben was einem die Natur gibt und die Nächstenliebe seiner Mitmenschen mag für Poeten toll klingen, im Klartext bedeutet es aber drei Monate vollsperre, was für mich beutet, entweder Angebot annehmen oder Shopping mit Lebensmittelmarken. 
„Wachpersonal mit ortsgebundenen Aufgaben“. damit werden sie mir also den Tag vermiesen. Na super, ich werde die Besitztümer einer Person bewachen dürfen die sich vor denen fürchtet die ihren Wohlstand erarbeitet haben. wie für jede gute Securityfirma üblich liegt das „Büro“ vorzugsweise im schmuddeligsten Stadtteil in direkter Sichtlinie zu einem Puff. Sollte das jemals nicht auf den ersten Blick zutreffen liegt das dann an der dezenteren Werbung an der Fassade. Mein zukünftiger Brötchengeber hält sich sehr genau an die Klischeeregeln, es sind zwei Puffs in Sichtweite. als ich das Gebäude betrete fühle ich mich ein wenig wie Heinz Sielmann bei seinen ersten Expeditionen.
Und dort drüben im Dickicht der Umkleidespinde üben sich die Gorillamännchen in Drohgebärden und Imponiergehabe. Man kann das Alphamännchen deutlich an seinem Haarkamm erkennen den es zur Statusbekundung stets aufrecht hält. Auch scheint das anheben schwerer Metallgegenstände zum festen Ritus innerhalb des Rudels zu gehören wie wohl auch die Tatsache dies stets so spärlich bekleidet wie möglich zu tun und das wenige das den unbedarften Beobachter vor ungewollten Einsichten schützt stets zwei Nummern zu klein zu wählen. Soviel zur Schau gestellte gegenseitige Bekundung von Männlichkeit und archaischer Heterosexualität beindruckt den Tierfilmer in mir so sehr das ich beschließe lieber schnell den Ort zu wechseln bevor ich erfahre wie sich der Umgang mit Savannen(/-Trainingsraum)-Bewohnern gestaltet die nicht zum Frühstück rohe Eier trinken oder Radachsen zum Zeitvertreib verbiegen.

Eine Etage, und mindestens 40 IQ-Punkte, weiter oben finde ich das Chefbüro. Ein wenig beindruckt bin ich schon, das Schild an der Türe enthält auf den ersten Blick keine erkennbaren Rechtschreibefehler, der Inhaber muss also zu mindestens die Grundschule erfolgreich absolviert haben. Als ich eintrete fühle ich mich irgendwie erneut cineastisch berührt. Die Wände des Büros sind ein buntes Sammelsurium aus Martial-Arts-Postern, nackten (wie mir mein geübter Blick verrät ausnahmslos vollbusigen) Damen und Pokalregalen die kleine goldene Männchen zeigen die alle ernst gucken und/oder mit ausgestreckter Faust fliegen.
Wenn jetzt noch eine Frau mit üppig gefülltem Ausschnitt und hilfesuchendem Blick zur Türe reinstöcklen würde wäre ich verzückt.
Der mutmaßliche Dekorateur dieses Kung-Fu-Pornos sitzt in seinem Ledersessel den er betont langsam herumschwenkt zu dem Fremden an der Türe, den ich im Moment mime, zu meiner Schande ohne Schlapphut und Trenchcoat. Keine Ahnung wie Chefs von Securitybuden aussehen, aber würde ich im Lexikon nachschlagen wäre beim passenden Eintrag ein Bild von ihm zu sehen, garantiert.
Nicht ganz zwei Meter Muskelmasse, Stiernacken und Bürstenfrisur versuchen den Nadelstreifenanzug auszufüllen aus dem der jetzige Besitzer der Vorbesitzer wahrscheinlich herausgeschüttelt oder einfach wie Zahnpasta aus der Tube gedrückt hat. Der Anzugsinsasse mustert mich und ist offenbar enttäuscht, man sieht mir an das ich lieber Schokolade als rohes Fleisch esse und Fitness für mich den gleichen Wortklang hat wie für ihn Pazifismus. „Du bist der Typ vom Arbeitsamt?“, fragt er. Nein, ich bin der einzigste im Gebäude der eine ungefähre Ahnung über den Gesamtumfang des Alphabets hat, will ich sagen, aber aus Sorge um meine Gesundheit und aus Mangel an Rückgrat nicke ich nur. „Fein, du fängst heute Abend an und machst die Spätschicht mit dem kleinen Hans, du findest ihn unten im Fitnessraum.“ Mit diesen Worten ist für ihn das Einstellungsgespräch beendet und er rotiert wieder in seinem Sessel herum und ich steige wieder eine Etage, und in den zweistelligen IQ-Bereich herab. Zu meiner Erleichterung hat sich der Fitnessraum in meiner Abwesenheit geleert und so ist es nicht sehr schwer den kleinen Hans zu finden. Der kleine Hans ist ein durch und durch netter und sympathischer Mensch, ob das an seinem gewinnenden Lächeln liegt oder an dem Umstand das es so aussieht als hätten seine Muskeln eigne Muskeln weiß ich nicht zu sagen. Hans ist gut einen Kopf größer und zwei Schultern breiter als ich, und das er mir beim Händeschütteln nicht alle Handknochen zu Brei drückt verbuche ich als einen weiteren Sympathiepunkt für ihn. Die peinliche Gesprächsleere die andere Menschen mit Fakten über das Wetter und die eigene Historie füllen überbrückt er galant in dem er mir einen freundschaftlichen Klaps auf die Schulter gibt der mich horizontal durch den Raum befördert, gefolgt mit den Worten „dann wollen wir dich mal einkleiden“.
Wie jede Securityfirma hat auch unsere ein eigenes Logo, unseres ist ein springender Tiger, Löwe, Panther oder artnahe Raubkatze in stilisierter Form. Leider wirkt es auf mich mehr wie eine Raubkatze mit schmerzhafter Darmverschlingung. Jedenfalls ziert ab jetzt die
nicht-kacken-könnende Katze meine Arbeitsbekleidung, eine berufstypische schwarze Bomberjacke. Als ich mich selbst im Spiegel sehe muss ich gestehen dass man sich tatsächlich etwas muskulöser und autoritärerer fühlt in dieser Amtstracht. Es fühlt sich an als würde dieses Nylon-Kunststoffgemisch in schwarz den Träger mit zusätzlicher Kraft und Selbstsicherheit versorgen, mit dem minimalen Preis von ein paar wenigen verschmerzbaren Gehirnzellen.
Mit maximal aufgeblähtem Ego stolziere ich Hans nach in die Garage zu den Dienstwagen, Leider endet hier das Klischee auch schon. Das Bewusstsein über die Notwendigkeit eines Jeeps in einer urbanisierten Region ist auch hier gegeben, allerdings steht vor uns kein Hummer sondern ein Suzuki, Jimmy. Etwas beklommen steige ich auf dem Beifahrerplatz ein während sich Hans mit geübter Routine hinter das Lenkrad einfaltet. Auf unserer Fahrt zu der Diskothek deren Pforten wir bewachsen sollen bekomme ich einen lebhaften Eindruck wie Ölsardinen sich fühlen. Unser Firmenwagen wurde für vier lächelnde, geschätzte 1,30m große Ostasiaten konzipiert, nicht für zwei schwitzende Westeuropäer in dicken Jacken von denen einer den Jahresbedarf eines durchschnittlichen Fitnessclubs an Eiweißpräparaten hat und man dem anderen ansieht das er etwas zu gerne Junkfood isst.

Der heutige Arbeitsplatz ist der beliebteste Tanztempel der Stadt, ein Mischpool für minderjährige Teenager, spätpubertierende Halbstarke, (stark alkoholisierte) Mittzwanziger und eigentlich alle die Bücher lesen oder Theater besuchen nicht als abendfüllende Unterhaltungsform anerkennen. Hans und ich falten uns aus dem Auto und atmen erst einmal dankbar frische Luft bevor wir uns für die Schicht anmelden. Wir werden als Team den Türstehern zugeordnet, Hans weil er im Bedarfsfall die Türe einfach mit seiner physischen Anwesenheit verschließen kann, und ich weil jeder Chef weiß das Leute wie ich dankbare Sadisten sind die sich in diesem Momenten enthusiastisch und willkürlich dafür rächen selbst nie eingelassen worden zu sein.
Der erste Teil des Abends verläuft weitest gehend ruhig, was daran liegen mag das die eigentlichen Stressmacher noch Zeit brauchen sich einen gehörigen Pegel anzutrinken bevor sie hier herkommen.
Ich genieße meine gottgleichen Privilegien die wartenden Massen zu filtern wie es mir beliebt.
Jeden Mann den ich als potentiellen Mitstreiter im Rennen um Erbgutverteilung einstufe verweise ich des Ortes und jede Frau die ich als Potentielle Kandidatin einstufe lasse ich herein. Ein kurzer Blick auf meine Kollegen verrät mir dass diese wohl andere Wahlkriterien haben als ich. An der Schlange neben mir achtet man mehr auf Albernheiten wie ein Mindestmaß an Nüchternheit und ein ordentliches Erscheinungsbild. Nach einiger Zeit kommt ein Mitarbeiter zu uns und bittet uns drinnen nach dem Rechten zu sehen, einige Gäste haben es offenbar in Rekordzeit geschafft sich den Verstand und die letzten Reste Anstand weg zu trinken.
Also tauchen wir ein in Stroboskoplicht und wummernde Bässe, auf der Suche nach Dingen die kein Mensch sehen will. Unseren ersten Fall von entartetem Alkoholkonsum finden wir tanzend auf dem Tresen vor. Nur von ihrem eigenen Bewegungsmoment am stürzen gehindert fegt sie über die Theke und scheint dabei großen Spaß zu haben die grölende Menge zu unterhalten. Da wir leider auch dafür bezahlt werden Spaßverderber zu sein klettere ich der Frau hinterher und versuche auf rutschigen Sohlen die Wodkaballerina von ihrer Bühne zu begleiten an einen Ort wo die Wahrscheinlichkeit sich das Genick zu brechen geringer ist. Sie versteht meine Bemühungen aber offenbar völlig anders und springt einfach leichtfüßig vor mir davon während ich unbeholfen in den schweren Stiefeln ihr nach schlingere.
Als ich sie endlich an den Rand des Tresens gedrängt habe und mit der Wahl zwischen Absturz und Gefangennahme konfrontiere startet sie einen Überraschungsangriff der mich kalt erwischt.
Mit einer Flucht nach vorne springt sie auf mich zu, in meine Arme,
gibt mir einen Kuss auf die Nase und schmeißt mir ihren BH über meine Augen, kichert und ist mir entglitten.
Als die ersten Zuschauer schon vor Lachen zu Boden gehen greift Hans
ein und fängt die Frau mit einem Trick der jeden Fallensteller neidisch machen würde. Im Gegensatz zu mir versucht er nicht ihr zu folgen sondern steht einfach ruhig am anderen Ende des Ausschanks und hält ihr einen kleinen Cocktail entgegen. Als sie nach diesem greifen will dreht er sich, für seine Größe überraschend elegant, zur Seite und nimmt sie aus dem Schwung heraus von der Theke runter in den Arm und führt sie unter begeistertem Beifall aus dem Raum.
Mist, Vorstadt-Kingkong bekommt den Applaus und ich stehe hier mit Spitzen-BH auf dem Kopf auf der Bar.
Meinen unfreiwilligen Sichtschutz packe ich vorsichtshalber ein und der zurückkehrende Hans erklärt mir dass die Dame hier schon bekannt ist für ihre spontanen Tanzeinlagen und man wüsste wie man mit ihr am sichersten umgeht. Immer noch angesäuert von meiner schmachvollen Niederlage am Kap-B-Cup setze ich dann mit Hans unsere Patrouille fort. Zu meiner anfänglichen Freude ist unser nächster Fall weder weiblich noch in Feierlaune, sondern männlich, sturzbetrunken und Streßlaune. Überzeugt einem betrunkenen, stark schwankenden Typen gewachsen zu sein betrete ich den Ring in Form der Tanzfläche von der er alle anderen Gäste wüst fuchtelnd vertrieben hat. „Waswillsu?“ werde ich angeknurrt von ihm und mit diesen Worten kommt er schon auf mich zugestürmt und ich kann ihm grade noch ausweichen bevor er mich zu fassen bekommt. Davon offensichtlich erst recht angestachelt reckt er seine Fäuste und schreitet zum nächsten Angriff. Erst jetzt fällt mir siedend heiß ein dass man normalerweise erst eine Ausbildung macht bevor man als Securitykraft arbeitet. Meine vergleichsweise geeignetste Nahkampfausbildung besteht darin das ich vor Jahren mal Tekken durchgespielt habe auf dem höchsten Level. Da ich aber leider aus Fleisch und Blut bestehe und nicht aus Bits und Bytes hilft mir das jetzt wenig. So beschränke ich mich darauf seinen Hieben aus zu weichen.
Und so führen wir beide zu der unbeirrt weiter dröhnenden Musik auf der Tanzfläche den Tango der Unfähigen auf. Hans steht am Rand der Tanzfläche und wartet offenbar darauf dass ich meine Männlichkeit wieder finde und dieses Schauspiel beende indem ich meine Faust oder meinen Fuß in ein Körperteil des Angreifers befördere. So langsam geht mir die Puste aus als mir die rettende Idee auffällt die in weißer Spitze aus meiner Jackentasche hängt. Ich angle den Büstenhalter hervor und schwinge ihn wie ein anzügliches Lasso vor mir. Über die Art meiner Waffe total überrascht vergisst er kurz dass er mich eigentlich zu Klump hauen wollte und ich nutze den Moment, springe vor und schnalle ihm den BH einfach ans Gesicht. Eigentlich wird man als Mann meistens mehr vom Inhalt als von der Verpackung abgelenkt, aber es erfüllt seinen Zweck und ich ziehe meinen paralysierten Gegner zu Boden und knie mich auf seinen Rücken. Als die anderen Sicherheitskräfte
ihn hinaustragen, immer noch mit seiner zweckentfremdeten Sichtblende, komme ich mir ein wenig wie ein Held vor, die angestrengt guckende Katze auf meinem Jackenrücken stört mich genauso wenig wie der grinsende Hans der sich wahrscheinlich, wie alle anderen Gäste, halb totgelacht hat über meine Methode den Kampf zu beenden.
Als ich draußen meine Triumphatorenzigarette rauche, stellt er sich neben mich und bringt mit seiner Anerkennungsgeste meine Schulterknochen zum knacken. Ich überlege mir wie ich gönnerhaft diesen Moment mit meinem Kollegen teilen kann ohne seinen Verbalhorizont zu überschreiten als Hans sagt: „Da studiere ich schon  Zwei Jahre Psychologie, aber deine Taktik zur Konflitklösung ist mir völlig neu.“

9.1.10 20:21


Im Auftrag ihrer Majestät

in einem uns bekannten land, vor garnicht all zu langer zeit …
streng genommen letzte woche dienstag , lebte ein junger recke von tadelosem ruf, voll der ritterlichen tugend, nobler ideale und von vortrefflichem erscheinungsbild,
der mit dieser geschichte rein garnichts zutun hat.
zu den wenigen positiven attributen des handlungsträgers gehört, dass er noch niemanden aus dem leben befördert hat, aber sein tag sollte ja auch erst beginnen.
so vernehmet nun die mähr von dem der auszog im auftrag ihrer majestät, zu mehren den ruhm und den wohlstand seiner lehnsherren, oder zu allermindest um zu besänftigen das knurrende untier welches er seinen magen nennt.
sieben uhr, verkündet mir das stundenglas, welches mich quengelnd aus meinen träumen reißt und mich zum verlassen meiner schlafstatt gemahnt.
sieben uhr, welchen teufels kind mag diese uhrzeit sein, frage ich mich, meine gliedmaßen aus dem bett sortierend und meinen leib gen badezimmer befördernd.
nach nur zwei fehlversuchen erreiche ich selbiges auch und starre in morgendlicher routine
in die fratze des grauens gegenüber an der wand.
und wie jeden morgen sehe ich diesem fellgesichtigen untier
direkt in seine hinterlistigen schweinsäuglein, ich kann nicht anders, ich mag mich einfach.
den inneren disput mit mir ob ich mich meins barthaares entledigen soll lege ich recht schnell bei, nicht nötig, meine gesichtskonturen sind ja noch zu erkennen.
zufrieden mit dem ersten tageserfolg beschließe ich zurück zu bett zu gehen als mein blick auf ein stück papier auf dem tisch fällt.
ach richtig, der grund meines verfrühten erwachens.  die herrscher von bürokratien wünschen meine aufwartung bei hofe. ich habe es mir zu eigen gemacht bei solch höflichen bitten die hohen damen und herren nicht warten zu lassen, zumal die alternative hungerturm nicht wirklich erstrebenswert erscheint.
so gürte und harnische ich mich um die beschwerliche exkursion zu wagen.
nach kurzer suche finde ich ein geeignetes beinkleid und meinen wams unter einem berg schmutzwäsche. ich beschließe als erstes meine dienerin für diese nachlässigkeit zu züchtigen, und als zweites mir überhaupt zu diesem und anderen, artverwandten, zwecken eine dienerin zu nehmen. derart gerüstet verlasse ich meine feste und trete kampfeslustig auf die straße und in einen haufen hundescheiße.
eine vorbeigehende frau hält errötend ihrem kind die ohren zu als sie hört was ich dem
erzeuger dieser heimtückischen tretmine, seinen nachkommen und seinem halter wünsche.
derart erzürnt stapfe ich los in richtung innenstadt, denn das anwesen der lords von paragraphien erreicht man schwerlich auf schusters rappen.
und so erwerbe ich mit meiner letzten barschaft eine berechtigungsurkunde
für einen ritt mit dem eisenwurm. selbiger erreicht, trotz anders lautender verkündigung
auf der anschlagstafel, die örtlichkeiten zu spät.
leicht aufgebracht, und leidlich nach canidenkot riechend, besteige ich den wartenden eisenwurm. wie nicht anders zu erwarten teile ich mir auch heute meine passage mit dem
allgegenwärtigen pöbel. ich suche mir einen stehplatz in der nähe zweier hofnarren die wohl zur bespaßung des adels ebenfalls zu hofe geladen wurden.
der eisenwurm setzt sich schnaufend und rauch hustend in bewegung und schaukelt seine
mäßig motivierte fracht durch den betonwald, destination unbekannt und mehrheitlich ungewollt. ich komme nicht umhin dem gespräch der beiden harlekine zu lauschen.
„die alte gestern in der disse war ne totale sau“, setzt hofnarr eins hofnarr zwei über die sozial-interaktiven qualitäten seiner mutmaßlichen gesellschafterin in kenntnis,
was dieser gezielt kritisch hinterfragt: „so ne richtige sau ?“
hofnarr eins nickt zustimmend und führt die sache näher aus. „die war richtig mit ohne höschen an der bar.“ man kann gradezu sehen wie das visuelle zentrum im schädel von hofnarr zwei auf hochtouren kommt, beim versuch die erhaltne information zu illustrieren.
leider scheint ihn dieser denkprozess zu überfordern und der dialog der beiden endet
unverhofft an dieser stelle. schade, ich hätte dem sozialkritischen bericht über weibliche gäste der hiesigen tanztempel gerne noch etwas gelauscht.
hofnarr eins nutzt die gelegenheit der unpässlichkeit seines kameraden und beginnt eine
eine unverbindliche plauderei mit mir. „ey, is was du arsch?“ fragt er höflich nach meinem wohlbefinden. ich überlege kurz wie ich ihm diese frage so präzise wie möglich beantworten kann. ich entschließe mich zu einem vielsagenden „nö“. „dann zieh leine du penner !“, werde ich freundlich aufgefordert, und diesem wunsch komme ich natürlich mit freuden nach und ziehe an der leine der notbremse. dank der physikalischen tatsache des trägheitsmomentes beendet unser reisemittel seine bewegung schneller als hofnarr eins
der seine reise erst, mit dem gesicht zu voran, an der stählernen stützstange beendet.
ich beschließe meine, mittlerweile doch etwas unterhaltsamere, reise sicherheitshalber zu fuß fort zusetzen, bevor mein gesprächspartner in seine blutende realität zurück findet.
ich erreiche burg pedanterie nach kurzer zeit und stelle mich der prüfung des torwächters in gestalt einer automatischen schiebetür. schon unzählige male wurde ich aufs äußerste getestet von diesem erbarmungslosen rotäugigen zyklopenpförtner. aber nicht heute sage ich mir, ich bin vorbereitet. in elfengleicher grazie springe ich wild mit den armen fuchtelnd vor dem infrarotsensor der türe auf und ab, in der hoffnung mich so des zugangs als würdig zu erweisen. leider wird meine darbietung offenbar nicht gewürdigt, denn die türe bleibt zu.
ich überlege kurz ob ich es mit bestechung oder verführung probieren soll als die pforte sich auftut und einen schergen des hausherrren ausspeit. ich nutze die chance und rette mich mit einem gekonnten hechsprung ins innere, vorbei an der garstig zuschnappenden türe.
unter den fragenden blicken einiger anwesender bittsteller raffe ich mich möglichst natürlich wirkend auf und schlendere betont lässig davon.
als ich das audienzzimmer betrete werde ich bereits vom kurator meiner historie erwartet.
„ah, herr anders, schön das sie kommen konnten.“, lügt er mir kalt ins gesicht. „dankesehr, ich bin immer um kooperation bemüht.“, lüge ich ebenso kaltschnäuzig zurück und nehme platz. nachdem dem austausch von höflichkeitsfloskeln genüge getan wurde kommt er ohne umschweife zu seinem anliegen. „ich möchte mit ihnen über ihre berufliche situation reden.“, sagt er und beginnt sofort betriebsam das vor ihm liegende buchstabenbrett zu vergewaltigen. eine weile passiert dann erstmal nichts, aber seinem wenig begeisterten blick entnehme ich, dass er wohl grade meinen lebenslauf liest.
„wie ich sehe haben sie bereits zweimal ein stellenangebot nicht angenommen herr anders, noch einmal und wir müssen ihnen ihre leistung kürzen.“, sagt er im selben schlecht  gespielt bedauernden tonfall den nachrichtensprecher haben wenn sie über einen amoklauf berichten. dann setzt er mit der schändung des schreibgerätes fort bis seine druckerpresse stotternd zum leben erwacht und ihm ein stück papier ausspuckt.
er reicht es mir mit den orakelenden worten: „nehmen sie das hier ernst.“ ich will mich kurz entrüsten wie dieser behördenknecht die frechheit haben kann mich zu duzen, als mir einfällt das er mich ersucht diesem gedruckten befehl folge zu leisten.
mißmutig nehme ich den auftrag an und verlasse die gruft lebenden toten.

fortsetzung folgt …

8.11.09 23:59


alea iacta est

Der Tag musste kommen, mein Gang nach Canossa.
Eingepfercht mit anderen notorischen Zu-spät-kommern,
Schulschwänzern und dem restlichen soziologischen Bodensatz der Schule
hocke ich in dem muffigen Raum und harre der Dinge die da kommen.
Nachschreiben nennen SIE es, metaphorische Exekution mittels Stift und Papier nenne ICH es.
Da kommen sie schon, unsere Wächter und Henker, drei an der Zahl.
„Guten Tag“, grüßen sie. „Ave, morituri te salutant“*, grüße ich,
aus Mangel an Rückgrat unterhalb der Hörgrenze.
Sie verteilen unsere tintengestrahlten Todesurteile und weisen uns Sitzplätze zu.
Nein, nicht neben sie! Den ganzen Tag habe ich versucht, ihr aus dem Weg zu gehen, sie zu meiden, ihrem Blick zu entgehen.
Mit weichen Knien schlurfe ich an ihren Tisch und werde von diesem grässlichen engelsgleichen Lächeln empfangen.
Noch während ich versuche ihre stumme Botschaft zu dechiffrieren
naht der Henker mit meinem Urteil, welches ich all die Wochen so erfolgreich verschlafen, oder Krankenschein sei Dank, umschifft habe.
Mathematik, eine zahlbasierte Methode, um mir mein eigenes Unvermögen vor Augen zu führen.
Nachdem ich Name und Datum in das vorgesehene Feld geschrieben habe, erschöpft sich mein gesammeltes Fachwissen der Zahlenlehre schlagartig gen Null und ich wechsle zu dem mir wohlbekannten sinnentleerten Starren zwischen Hand und Papier, in der Hoffnung mittels Telepathie ein Ergebnis auf das Blatt zu zaubern.
Nach fünf ereignisfreien Minuten komme ich zur Erkenntnis, dass ich als Telepath mindestens ein genauso großer Versager bin wie als Mathemat.
Während ich der imaginären Liste der Berufe, für die ich nicht tauge, einen weiteren hinzufüge, erreicht mich ein „Psst“ der höchsten Wichtigkeitsstufe, ein „Psst“ von ihr.
Sie deutet mit dem Stift auf ihr Blatt und sieht mich bittend lächelnd an.
Nach einer kurzen Fahrt auf der Glücksgefühlachterbahn beschließe ich mich dem Problem meiner Miniaturgöttin zu widmen.
Geschichte. Meiner Begeisterung für jedwede Form von Fatalismus, martialischen Gebaren und meiner krankhaft ausufernden Fantasie sei Dank, bin ich in den letzten Jahren zu einem inoffiziellen Lexikon für historisch belegte Großveranstaltungen zum Zwecke der Interessenskonfliktregulierung metamorphiert.
Unter Bemühung meiner nicht vorhandenen Kabukikünste*, und mit Hilfe
von Tisch und Bleistift, diktiere ich ihr alle historischen Fakten sowie Antworten und werde dafür mit einem Lächeln belohnt, mit dem man sonst nur bedacht wird wenn man Glücksfee einer Lottogesellschaft oder Casanova ist.
Freudig lächelnd entschwebt sie mir mit ihrem Aufgabenblatt in Richtung Lehrerpult und reicht meine Antworten unter ihrem Namen ein.
Bevor sie sich durch die Türe meinen Blicken entzieht zwinkert sie mir ein letztes mal zu und haucht mir über ihre Lippen das amouröse Äquivalent eines Marschflugkörpers zu.
Schwer getroffen von dem heimtückischen Hinterhalt, und mit einem breitmaulfroschartigen Grinsen im Gesicht erhebe ich mich und lege
meine Todesurkunde den fragend blickenden Henkern auf den Tisch.
Auf dem Weg durchs Treppenhaus hat mein Endorphin
überschwemmtes Gehirn bereits erfolgreich die Information verdrängt, dass ich so eben das Schicksal meines Schuljahres besiegelt habe.
Da steht sie und wartet, auf mich, ihren Retter, ihren Ritter! Ihren zukünftigen Ehemann. Als ich auf den Hof hinaus zu ihr gehen will hält ein roter Sportwagen vor ihr und die in Haargel getränkte Satire einer Actionfigur steigt aus und steckt meiner zukünftigen Ehefrau die Zunge in den Hals.
Nachdem meine zukünftige Exfrau schon lange außer Sicht ist beschließt mein Erinnerungsvermögen den Scherbenhaufen meiner selbst daran zu erinnern WESHALB ich sie zwei Jahre lang nie angesprochen habe.
Ich zünde mir, und dem kurzzeitig verschollenen Teil von mir der rote Hörner und eine Mistgabel hat, eine Zigarette an und fange wieder zu Grinsen an.
Ich habe ihr alle Antworten gesagt, … nur war keine davon richtig.
Veni, vidi, fraudavi!*


 

„Ave, morituri te salutant“:         „Heil dir, die Todgeweihten grüßen dich.“
                                               Gruß der Gladiatoren im römischen Reich
Kabuki:                                    traditionelles japanisches Theater mit Pantomime
„veni, vidi, fraudavi“:                 „Ich kam, ich sah, ich betrog.“
                                               Vergleich mit „veni vidi vici“ ( ich kam, ich sah, ich siegte )

(falls ihr euch über die etwas schrullige textform wundert, das ganze hier war mal mein beitrag zu einem wettbewerb zum thema kurzgeschichten)

16.10.09 21:43


Odysseus Reloaded

an manchen tagen wundere ich mich tatsächlich nochmal über die welt und meine mitmenschen ...

eigentlich hatte ich ja meinen freien samstag, mein nerd-spiel im dvdlaufwerk des pc, tonnenweise junkfood und cola organisiert und mich auf ein ruhiges wochenende gefreut, angefüllt mit freakigem kram.
aber wie so oft haben die würfelgötter anders entschieden was den lauf der dinge betrifft.
es fing relativ harmlos, aber schon latent unerfreulich an als ich den ersten fehler des tages beging und an mein handy ging.
aus mir nicht erfindlichen gründen bin ich in meinem bekanntenkreis die erste adresse wennn packesel für umzüge gesucht werden. und auch so diesmal.
egal, freunden hilft man wenn sie darum bitten. also hab ich mein warmes trocknes bett getauscht gegen einen vernieselten kalten morgen im freien.
der umzug war gewohnte buckelei von gegenständen die, wie üblich, zwischen 30 und gefühlten 300kg wiegen. das die zielwohnung im 5 stock lag hat mich nichtmal wirklich gewundert, kommt halt vor.
irgendwann gegen nachmittag wurde ich von meinen frohndienstpflichten entbunden und so schlurfte ich etwas kaputt aber bei guter laune nach hause um mich dem geplanten wochenende zu widmen.
frisch geduscht und zum kleinen nickerchen auf die couch drappiert, wurde ich erneut von meinem telefonierknochen belästigt.
eine hektische stimme, die ich erst nach einer weile als die meines indischen pizzaonkels erkannte, erklärte mir sprudelnd das die welt untergeht es keinen nächsten tag gib und sowieso alles verloren wäre wenn ich nicht einspringe heute abend und der lauffaulen bevölkerung ihre kalorienbomben nach hause liefere. weil ich ja sage hasse ich mich heute zum ersten mal am tag dafür das ich kein arschloch bin.
mit einem wehmütigen blick in richtung pc und der noch immer nicht geöffneten energydrinks zieh ich mich wieder an und laufe durch den erneut einsetzenden herbstregen in richtung des indisch/türkischen jointventures in gestalt einer pizzaschmiede. der indische pizzaschmied meines vertrauens begrüßt mich wie gewohnt mit falschem namen, macht aber nix, wenigstens ist er kreativ was die wortfindung betrifft.
ich nehme also die erste lieferung des abends entgegen und bemanne mein dienst-kfz, einen uralten ford, dem geistig gesunde menschen nichtmal die fahrt zur schrottpresse zutrauen würden.
mit testament und wechselgeld gerüstet ziehe ich aus um erneut meine mitmenschen vor dem sicheren hungertod zu bewahren.
der weitere abendverlauf gestaltet sich zunächst weitestegehend ereignislos, bis zu den letzten 30 minuten vor feierabend, der letzen lieferung des tages, eine nichtssagende adresse am anderen stadtende.
vom nach wie vor enthusiastisch strömenden regen durchgeweicht klingle ich bei der angegebenen adresse. es summt und die türe geht auf, das grauen nimmt seinen lauf. statt wie erwartet einer bierseeligen runde ihre fernsehpizzas zu liefern stehe ich in einem swingerclub, einem 50+ swingerclub.
ich ermahne meine gesichtsmuskeln nicht zu entgleisen als ich mir meinen weg durch frivole frührenter mit anhang bahne in richtung theke.
hinter der theke sitzt ein in transportseile gehüllter elefant. ein zweiter ungewollter blick verrät mir das es sich bei den spanngurten wohl doch um etwas handelt das ursprünglich als dessou gedacht war.
ich werde mit einem blick bedacht bei dem ich nicht weis ob er mir oder dem stapel pizzas gilt die ich schützend wie einen schild vor mich halte.
nervös zittere ich das wechselgeld aus der bireftasche als ich merke das ich wohl in den fokus der anwesenden geraten bin und wenn ich nicht binnen der nächsten sekunden den raum verlasse zum teil der abendgestaltung werde.
unfassabr erleichtert über meine geistige und körperliche unversehrtheit
verlasse ich das separee der horizontalen verkeilung und mache mich auf den rückweg.
mit einer heiß dampfenden pizza in der hand befinde ich mich einige minuten später auf dem heimweg und naiv wie ich bin freue ich mich auf die restlichen stunden meines wochenendes.
kurz vor der sicheren haustüre springt eine gestalt aus der hecke und schreit mich wüst fuchtelnd an.
bin ich soweit gekommen, habe ich tonnenschwere schminkkoffer getragen, habe ich mich todesmutig gegürteten kriegseleanten erwehrt um hier kurz vor dem sicheren hafen mein ende zu finden ?
in sprachen angesprochen zu werden die ich nicht kenne ist mir nicht ungewohnt aber die gruselgestalt die da vor mir aus dem dickicht getreten ist benutzt eine mir gänzlich unbekannte sprache.
erneut eine pizza als schild mißbrauchend nähere ich mich vorsichtig dem rasenden irren und versuche sein begehr zu erfahren.
einige beschimpfungen später bin ich zumindestens so schlau das ich weis
das mein gegenüber sturz betrunken aus einer kneipe geschlingert ist und sich auf dem weg, wohin auch immer, in die hecke hinein verlaufen hat.
ich beschließe das der zu erwartende ruhm zuviel für eine person ist und fordere verstärkung in form unserer grünen schutzmacht an.
noch wärend ich am telefon erkläre wo ich, und mein sich jetzt selbst beleidigendes gegenüber sind, packt jenen der irrsinn und mit einem hechtsprung taucht er in die hecke ab.
wie stehe ich denn da wenn plötzlich der grund meines anrufs entfleucht ist ?
kurzentschlossen stapfe ich hinterher ins zwielicht des städtischen begrünungssversuchs um den wodkaderwisch wieder auf die straße zu holen.
nach einigen minuten gelingt es mir tatsächlich ihn zu fassen und unter gutem zureden und sanfter straßenwärts gerichter schubgewalt wieder nach draußen zu bugsieren wo ihn die eingetroffenen beamten in gewahr nehmen.
erschöpft erreiche ich mit letzter kraft meine heimstatt und lasse mich in meinen pcsessel fallen. das meine pcwarnleuchte hektisch flackert merke ich schon garnichtmehr als ich sanft in morpheus reich entgleite.

(dramatik der handlung wurde zu unterhalterischem zwecke leicht überspitzt)

12.10.09 00:34





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